|
Letzte Ausfahrt Sixties Volksbühnen-Prater: Gob Squad zu Besuch in Andy Warhols „Kitchen“
Von Jan Oberländer
Der Tagesspiegel, Berlin 2. April 2007
Eine breite Leinwand-Wand, darauf drei nebeneinander projizierte Bilder. Das mittlere zeigt eine Küche, in der vier Sixties-Hipster in quergestreiften Sixties-Shirts eine Party feiern: Witze, Drogen, doofe Tänze, einer stellt sich auf den Tisch und lässt die Hosen runter, aus den Boxen dengeln Velvet Underground. Irgendwann reicht’s, eine Gestreifte verlässt die Küche, kommt hinter der Leinwand hervor, stellt sich klein und echt und in Farbe ihren Kollegen entgegen. Die gucken riesig und schwarzweiß in die Kamera: „Komm zurück! Draußen ist doch alles schon passiert! Hier ist alles NEU!“
Aber die Sixties-Party ist vorbei. Das wissen Gob Squad und starten trotzdem eine neue, in ihrer Performance „Kitchen“ im Volksbühnen-Prater. Ausgangspunkt ist Andy Warhols gleichnamiger Film von 1965, einer Zeit, in der alles begann: „Avantgarde, Rock’n’ Roll, Sex, Drogen, Reality-TV“. Sean Patten, Berit Stumpf, Sarah Thom und Bastian Trost steigen hinein in die „Kitchen“ (und in andere frühe Warhol-Filme wie „Sleep“, „Eat“, „Haircut“ und „Blowjob“), als wäre der Film einer jener Pappkartons, die Warhol als „Zeitkapseln“ mit Gegenwartskrimskrams füllte. Und spielen ernüchtert-belustigt mit dem, was sie darin finden.
Langsam Senf aus einem Glas löffelnd, schmeckt Bastian Trost der 40-minütigen Pilzknabber-Meditation „Eat“ nach. Sean Patten guckt auf dem rechten Bildfenster unbewegt in die Kamera – wie Warhols Probanden in den „Screen Test“-Charakterstudien. Und Sarah Thom bekommt bei dem Versuch, vor der Kamera zu schlafen wie im Sechs-Stunden-Experiment „Sleep“, kaum ein Auge zu. Kein Wunder: 1963 konnte Warhols Lover John Giorno noch unschuldig schlummern: „Er weiß nicht, dass ihn die Drogen kaputtmachen (...) – und Aids war auch schon auf dem Weg.“ Das waren noch Zeiten. „You’ve never had it so good“ lautet der Untertitel des Stücks.
Ein Abend, der keine abgeklärte Insider-Veranstaltung sein will, sondern eine gutgelaunte Aktualisierung durch Ironisierung. Und eine intelligente Selbstvergewisserung. Wie bereits bei Polleschs „Prater-Saga 3“ holen sich Gob Squad Zuschauer auf die Bühne, und wenn die nun – für 15 Minuten oder länger – zum Gob- Squad-„Superstar“ werden, zeigen sich plötzlich Traditionslinien. Und wenn die live gecasteten Freiwilligen den Performern Körper und Stimme leihen und sie am Ende auf der Leinwand vollkommen ersetzt haben, von der Tribüne aus instruiert und mit Sprechtext versorgt per Headset und Mikrofon, dann passt das zu der Anekdote, wie Andy Warhol einst einen silberhaarigen Doppelgänger auf Vortragsreise schickte.
Gob Squad blicken auf die Wurzeln von Popkultur – und auf ihre ganz persönlichen Anfänge. Erster Sex. Jugend musiziert. Greenpeace. Die alten Ichs. Und heute? „Hast du das Gefühl, dies hier ist DEINE Zeit?“ fragen sie ihre Superstars. Gob Squad jedenfalls wirken im souveränen – und höchst unterhaltsamen! – Spiel mit den alten Codes sehr gegenwärtig. Mit jedem „Kitchen“-Abend packen sie einen neuen Karton voll mit teilweise unvorhersagbarem Jetzt. „Wir sind die Essenz UNSERER Zeit“, heißt es an einer Stelle, „in 100 Jahren wird man sich UNS hier angucken“.
Die Sprache als Sparringpartner
Auf Andy Warhols Spuren: "Gob Squad's Kitchen (You've Never Had it So Good)"
von Bert Rebhandl
Der Standard, Wien. 2. April 2007
Andy Warhols Film Kitchen entstand im Jahr 1965. Edie Sedgwick sollte damit zu einem neuen Superstar aufgebaut werden, sie war aber kaum in der Lage, sich ein paar Zeilen zu merken. Es gab, wie bei Warhol üblich, keine Geschichte, sondern nur eine Situation: eine Küche, in der Leute das tun, was sie in einer Küche eben so tun, plus ein bisschen Unsinn extra. Norman Mailer schrieb über Kitchen, dass man in 100 Jahren auf die 60er-Jahre zurückblicken und den ganzen (Un-) Geist der Epoche in diesem Film wiederfinden würde - die Langeweile, die kalten Wohnungen, die alten Installationen. "Deswegen kam es zu dem Krieg in Vietnam. Deswegen wurden die Flüsse verschmutzt."
Dieses ebenso enthusiastische wie nihilistische Zitat kehrt nun auch in der Theaterproduktion Gob Squad's Kitchen (You've Never Had it So Good) wieder, die am Freitag in der Volksbühne im Prater in Berlin Premiere hatte und vom 19. bis 21. April auch beim Donaufestival zu sehen sein wird. Gob Squad ist eine deutsch-englische Performancegruppe, die seit über zehn Jahren mit großem Erfolg im Grenzbereich zwischen Kunst, Medien und Theater arbeitet. Indem sie Warhol zu ihrem Thema macht, betreibt sie auch ein wenig Theorie der Avantgarde. Denn das utopische Potenzial im Alltag, das in den 60er-Jahren nicht zuletzt in den Filmen der Factory entdeckt wurde, ist irgendwie verschwunden. Heute ist eine Küche wieder eine Küche, und die jungen Leute, die in der Küche herumsitzen, trinken lieber Tee als Kaffee.
Sie wollen aber so aufregend sein wie Edie Segdwick oder Roger Trudeau. Daher gießt Bastian (Bastian Trost) den Kaffee in einer hübschen kleinen Fehlleistung auf Teebeutel. Das Gebräu wird von Berit (Berit Stumpf) kurzerhand zu einem neuen, coolen Getränk erklärt: einem "Taffee", der aber nicht annähernd die Wirkung der Substanzen hat, die sich Edie Sedgwick im goldenen Zeitalter ständig zuführte.
Gob Squad's Kitchen ist einerseits selbstironische Distanzierung vom Pathos der 60er-Jahre, andererseits aber eine sehr genaue Rekonstruktion der Prämissen von Warhols Arbeit. Die Bühne besteht aus einer dreigeteilten Leinwand, auf der das dahinter gespielte Theater als Film zu sehen ist. Im Zentrum steht das Remake des eigentlichen Films Kitchen, daneben werden aber Warhols Screen-Tests sowie seine Filme Sleep und Kiss integriert.
Weil im Prinzip jeder ein Star sein kann, sitzen einige Darsteller anfangs noch im Publikum - sie werden elegant in das Experiment hineingezogen, wobei es sich als schwierig erweist, einfach so einzuschlafen. Zumal es im Hauptraum, der Küche, immer wieder Grund zum Lachen gibt.
Dazu trug am Premierenabend nicht zuletzt Arno bei, ein Freiwilliger, der sich unter der Anleitung von Sean Patten zuerst für einen Screen-Test zur Verfügung stellte, dann aber bald in eine Sprechrolle überwechselte und schließlich in das Bild des Hauptfilms eintreten durfte. Schon bei Warhol waren die Techniker zu sehen gewesen.
Dieses Prinzip wird bei Gob Squad noch weitergedacht. Sie erfindet für die Stars der eigenen Produktion noch Alter Egos, dabei werden die Rollen nicht so sehr getauscht als experimentell voneinander und von den historischen Vorbildern übernommen. Ähnlich wie bei René Pollesch, der in der Volksbühne im Prater (wie auch am Burgtheater) in den letzten Jahren viele maßgebliche Arbeiten präsentiert hatte, ist auch bei Gob Squad die Sprache eine Art Sparringpartner. Die Figuren sprechen nicht einfach, sie hantieren oder kämpfen mit Sprachmaterial.
Die verschlüsselte Rede, die häufig der Anbahnung von Sex vorausgeht, stieß in der Kitchen von Gob Squad auf das Unverständnis einer kalkulierten Naivität, die aus den Genderdebatten des letzten Jahrzehnts hervorgegangen ist. Die sexuelle Politik bei Warhol ("I like my coffee hot, sweet and black, just like my man") wird ganz undidaktisch noch ein wenig aufgeklärt. Gob Squad's Kitchen tritt letztlich locker aus dem Schatten der Factory. Damals ging es um Coolness und Sex, heute geht es um Intelligenz und Selbstdistanz. Ein Fortschritt? Das wird man in 60 Jahren wissen, wenn Norman Mailers Jahrhundert abgelaufen ist.
|